Über die Kieler Innovationsforschung

Zur Entstehung und Notwendigkeit einer wirtschaftswissenschaftlichen Fachspezialisierung

Die Anfänge des Instituts für Innovationsforschung reichen zurück bis in das Jahr 1979 und markieren für die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) den Beginn der bis dato in Deutschland noch kaum beachteten betriebswirtschaftlichen Teildisziplin Innovationsmanagement. In diesem Jahr erstellte Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Brockhoff für den damaligen Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein ein Gutachten, in dem er vorschlug, zur Verbesserung der Innovationsfähigkeit in Schleswig-Holstein ein entsprechendes Universitätsinstitut zu gründen. Das Ministerium lud daraufhin Vertreter von Interessensgruppen zu einer Diskussionsrunde ein, in der Einzelne große Bedenken gegen das Vorhaben äußerten. Z.B. war aus den Reihen der Lübecker IHK zu hören, dass Universitätsprofessoren schlichtweg nicht über geeignete Kompetenzen verfügen, um sich mit der Innovationsmaterie in der betriebswirtschaftlichen Praxis zu beschäftigen. Schnell wurde allen Befürwortern klar, dass die Gründung eines neuen fachspezialisierten Universitätsinstituts kein Selbstläufer werden würde. Es ist daher dem unbedingten Einsatz und geschickten Zusammenwirken einzelner Persönlichkeiten zu verdanken, ganz so wie es in Lehrbüchern zur Innovation immer wieder eindringlich beschrieben wird, dass das Institut für Innovationsforschung ins Leben gerufen wurde.

Mit Unterstützung von Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Hauschildt, der 1979 kurz nach Einführung des betriebswirtschaftlichen Studiengangs nach Kiel berufen wurde, gelang Brockhoff im Jahre 1984 die Einwerbung eines DFG Schwerpunktprogramms, das in die Gründung der Forschungsstelle für Technologie- und Innovationsmanagement mündete. Eine Grundfinanzierung wurde anfänglich dank vielfacher Drittmittelaktivitäten, u. a. im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, nicht gebraucht. Dennoch führten die beiden Professoren, die eine langfristige Perspektive vor Augen hatten, Gespräche mit zuständigen Landtagsausschüssen und Schlüsselpersonen in Schleswig-Holstein, die nicht zuletzt mit Unterstützung des damaligen Kultusministers Walter Braun zustande kamen. Hierdurch wurde nicht nur die Gründung des Instituts befördert, sondern auch dessen Finanzierung. Damit legten Brockhoff und Hauschildt an der CAU den Grundstein für eine quantitativ-empirisch geprägte Innovationsforschung. Auch wenn die geschickten Innovatoren zu diesem Zeitpunkt noch den Begriff des „Instituts“ vermieden, sahen sie schon damals die Vorteile einer institutionellen Struktur für ihr Vorhaben. Schon bald entstanden an der Kieler Universität im Wahlfach „Innovationsmanagement“ Diplomarbeiten und Dissertationen. Mit Hilfe von Mitteln des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und der Nixdorf-Stiftung konnten namhafte Wissenschaftler und Unternehmensvorstände zu Gastvorlesungen über viele Jahre nach Kiel geholt werden.

Allen schon frühen Erfolgen der Kieler Innovationsschule zum Trotz regte sich im Herbst 1989 von Seiten des für Budget- und Strukturplanung zuständigen Mitarbeiters des Universitätspräsidiums noch einmal Widerstand gegen die Fortführung der Forschungsstelle für Technologie- und Innovationsmanagement. Erneut wurden Brockhoff und Hauschildt über Gespräche mit den Staatssekretären im Kultus- und Wirtschaftsministerium, den Herren Kreyenberg und Steinbrück, im Dienste einer weitsichtigen und modernen Innovationsmanagement-Ausbildung für das Land Schleswig-Holstein aktiv. Ihr persönliches Engagement und die über Jahre gewachsene fachliche Vorreiterrolle der Kieler Betriebswirtschaftslehre auf dem Gebiet der Innovationsforschung führten dann dazu, dass im Jahre 1990 an der CAU ein eigenes Institut für Innovationsforschung (IfI) gegründet wurde, welches damals noch der Forschungsstelle entsprechend Institut für Technologie- und Innovationsmanagement hieß. Darin wurde zudem Deutschlands erster Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement eingerichtet, dessen Leitung Brockhoff oblag. Gleichzeitig gelang es Brockhoff und Hauschildt, das Graduiertenkolleg „BWL für Technologie und Innovation" mit einer Höchstlaufzeit von 9 Jahren einzuwerben, in das auch Volkswirte, Juristen und Physiker eingebunden waren. Die Institutsvertreter konzentrierten sich mit ihren Schülern inhaltlich überwiegend auf die Gestaltung und Durchsetzung von Innovationen. Ihre Arbeiten zur Kooperation und Arbeitsteilung im Innovationsmanagement fanden sehr schnell weltweit Beachtung. Regelmäßiger Austausch der Doktoranden mit Praktikern bereicherte die Forschung.

Die Institutsarbeit konzentrierte sich neben der Forschung von Anfang an auch stark auf die Ausbildung von Studierenden. Brockhoff und Hauschildt engagierten sich für eine grundständige Lehre im Bereich des Innovationsmanagements und veröffentlichten hierzu auch Lehrbücher, die heute Standardwerke in ihrem Fach sind. Innovationen sind ein kollektives Unterfangen und beruhen in aller Regel nicht auf dem einsamen Genie, so das Credo der beiden Begründer der Kieler Innovationsschule. Bereits früh wurde erkannt, dass die Komplexität der Realität in Fragen der Innovation die Leistungsfähigkeit von traditionellen Managementtheorien und bekannten Techniken der Unternehmensführung übersteigt. Nachhaltige Verbesserungen in der Praxis bedürfen einer theoretischen Verankerung. Die Vermittlung fundierter Methodenkenntnisse, praxisrelevantes Wissen zum Innovationsmanagement, die Teamfähigkeit bei Studierenden für Projektarbeit sowie eine analytisch fundierte Skepsis gegenüber etablierten Theorien und Praktiken standen am IfI von jeher im Mittelpunkt der Ausbildungsbemühungen.

1990 konnte aber nicht nur das Institut für Technologie- und Innovationsmanagement gegründet werden. Im selben Jahr gesellte sich Prof. Dr. Dr. h.c. Sönke Albers mit dem Arbeitsschwerpunkt Marktdurchsetzung von Innovationen als ein weiterer wichtiger Mitstreiter für eine empirisch-quantitativ ausgerichtete Innovationsforschung hinzu. In den folgenden Jahren wurde die „Kieler Schule“ zu einer der leistungsstärksten Forschungs- und Lehrstätten in Deutschland ausgebaut. Unter Albers’ Leitung konnte ein Nachfolge-Graduiertenkolleg „BWL für lose gekoppelte Systeme und Electronic Business“ ebenfalls für 9 Jahre eingeworben werden. Durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Land konnte die Forschungsinfrastruktur am IfI in Kiel stark ausgebaut werden. Die Gründung einer European Summer School for Management of Technology verstärkte die internationale Vernetzung der Teilnehmer des Graduiertenkollegs.

Im Jahre 2003 wurden die Aufgabenschwerpunkte mit finanzieller Unterstützung der damaligen Innovationsstiftung Schleswig-Holstein um die für die Hochschulentwicklung wichtigen Kompetenzen Technologie-transfer und Entrepreneurship ergänzt. Auf die neu eingerichtete Professur für Gründungs- und Innovationsmanagement wurde Prof. Dr. Achim Walter berufen, dessen Forschungsinteressen der Kieler Tradition folgend innovationsorientierten Kooperationen und darüber hinaus der Entwicklung technologiebasierter Unternehmen gelten. Mit der Berufung von Prof. Dr. Carsten Schultz im Jahre 2012 wurden die Kompetenzen des IfI im Bereich des Technologiemanagements mit einem Fokus auf das Gesundheitswesen und die Entwicklung nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen erweitert. Der Ruf an Frau Dr. Petra Dickel auf die Juniorprofessur für Entrepreneurship im Jahre 2013 führte zu einer weiteren Verstärkung am IfI. Inhaltlich getragen wird das Institut für Innovationsforschung traditionell auch von jenen Kieler Kollegen, die sich über ihre Forschung dem Innovationsthema stark zuwenden. Zu nennen sind hier Frau Prof. Dr. Aoife Hanley, Prof. Dr. Stefan Hoffmann, Prof. Dr. Till Requate und Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Wolf.

Das IfI dient heute als Plattform, um bei Studierenden und Mitarbeitern der CAU einen verantwortungsbewussten Innovations- und Entrepreneurship-Gedanken zu verankern. Wie Drittmittelprojekte und die Unterstützung von Ausgründungsaktivitäten belegen, werden auch heute vom IfI ganz im Sinne seiner Gründungsväter gezielt Impulse gegeben, damit wissenschaftliche Erkenntnisse der CAU in marktorientierte Kooperationen und Unternehmensgründungen einfließen und in der Gesellschaft von Nutzen sind.